Impressum Kontakt Sitemap
Supportive Therapie - Therapie von Diarrhöen

Therapie von Diarrhöen

Klassifizierung

 

 

Kein Stoma

Stomaträger

Grad 0

keine Diarrhö

keine Diarrhö

Grad 1

1–3 Stühle mehr als vor der Tx

milde Zunahme der Stuhlmenge, etwas wässrig

Grad 2

4–6 Stühle o. nächtlicher Stuhldrang, wenige Krämpfe

moderate Zunahme der Stuhlmenge, normale Aktivität nicht eingeschränkt

Grad 3

≥ 7 Stühle o. Inkontinenz o. Dehydrierung, starke Krämpfe

starke Zunahme, normale Aktivität eingeschränkt

Grad 4

lebensbedrohlicher Zustand, Kollaps, Schock, blutige Diarrhö, intensivmedizinische Betreuung notwendig

Grad 5

Tod

 

National Cancer Institute’s Common Toxicity Criteria for Grading Severity of Diarrhea (www.cancer.gov, CTCAE v.4.03)

 

Ätiologie

 

Zytostatika u. a. Wirkstoffe mit hohem Diarrhö-Risiko: Fluoropyrimidine (5-FU, Capecitabin, UFT, S1; Diarrhö bei 5-FU-Bolus > kont. 5-FU-Inf. > Capecitabin), Bevacizumab, Brentuximab, Cetuximab, Irinotecan, Everolimus, Checkpoint-Inhibitoren, Panitumumab, Pertuzumab, Temsirolimus, Topotecan, viele der neuen Tyrosinkinasehemmer.

 

Weitere Faktoren, die das Auftreten einer Diarrhö fördern können:

 

Nahrungsprodukte:

 

  • Milch und Milchprodukte
  • scharfe Gewürze
  • Alkohol
  • koffeinhaltige Getränke
  • bestimmte Fruchtsäfte (z. B. Orangensaft, Pflaumensaft)
  • ballaststoffreiche Ernährung, hochosmolare Zusatznahrung
  • stark fetthaltige Nahrungsmittel, Cerealien

 

Medikamente:

 

  • Antibiotika
  • Laxanzien
  • Motilitätsförderer (Metoclopramid)

 

Begleiterkrankungen:

 

  • M. Crohn, Colitis ulcerosa
  • Kurzdarmsyndrom
  • Strahlenproktitis, -kolitis

 

Therapie

 

Empfehlungen an ambulante Patienten bei Auftreten von Diarrhö

 

  1. Meldung an den behandelnden Arzt: Beginn und Dauer der Diarrhö, Stuhlfrequenz, andere Symptome (Fieber, Schmerzen, Blut), Besonderheiten in der Ernährung und Medikation (Milchprodukte, Laxanzieneinnahme etc.).
  2. Erste Maßnahmen (zu Hause): Kein Alkohol! Keine Milchprodukte!
    Hydrierung (3 l dünner Tee etc.; kein Sprudel, Cola, Kaffee etc.), kleine, leicht verdauliche Mahlzeiten; Einnahme von Loperamid: Anfangsdosis 4 mg, gefolgt von 2 mg alle 4 h bzw. nach jedem ungeformten Stuhl (max. 16 mg/d).
  3. Weiterer Verlauf:
    • Diarrhö beseitigt: zunächst weiter Diät, langsamer Nahrungsaufbau
    • Diarrhö nicht beseitigt, Grad 1–2: Loperamid (s. o.), ambulante Kontrolle für weitere 12–24 h
    • Diarrhö nicht beseitigt, Grad 3–4:
      • Diagnostik: Stuhlkultur, C. diff.-Toxin-Assay, Rö-Abdomen, bei Peritonismus CT-Abdomen (neutropenische Kolitis (s. u.), Abszess, Perforation, Pankreatitis?), bei persistierenden Symptomen Ösophago-Gastroskopie (Ulzerationen, CMV?), Koloskopie nur wenn neutropenische Kolitis im CT ausgeschlossen (sonst Perforationsgefahr)
      • stationäre Aufnahme
      • Flüssigkeits- und Elektrolytersatz
      • 3 x tgl. Octreotid 100–150 mg s. c., evtl. 3 x tgl. Opiumtinktur 15 Tropfen
      • Probiotika: bisher nur Fallberichte und eine Studie bei Kolonkarzinom-Pat. unter 5-FU. Die Rate von Grad 3/4-Diarrhöen wurde zwar gesenkt; ob diese Ergebnisse auf andere Medikamente mit anderen Diarrhö-auslösenden Mechanismen übertragbar sind, muss offen bleiben. Bei Immunsuppression sollte man Probiotika vermeiden, da ein Infektionsrisiko nicht ausgeschlossen werden kann.

 

Sonderfälle

 

  • Bei Irinotecan-induzierter akuter Diarrhö im Rahmen eines cholinergen Syndroms: 0,25 mg Atropin s. c. Für schwere Irinotecan-induzierte Diarrhö können Uridindiphosphat-Glucuronyl-Transferase(UGT)-Polymorphismen verantwortlich sein (UGT1A1*28), dann Dosis reduzieren. Bei M. Gilbert-Meulengracht evtl. vermehrt Diarrhöen.
  • Bei schwerer Diarrhö nach 5-FU oder Capecitabin: Dihydropyrimidin-Dehydrogenase(DPD)-Mangel ausschließen.
  • Bei Diarrhö Grad 2–3 durch Checkpoint-Inhibitoren (Ipilimumab, Nivolumab, Pembrolizumab u. a.) Therapie pausieren und Methylprednisolon-Äquivalent 0,5–1–2 mg/kg, bei Grad 3–4 Therapie evtl. ganz beenden.
  • Bei Neutropenie + Diarrhö (± Fieber) an neutropenische Kolitis denken → Abdomen-CT oder -Us zeigen typische Darmwandverdickung (bei > 10 mm hohes Mortalitätsrisiko). Tx: Antibiotika, Nahrungskarenz, ggf. Magensonde, parenteral Flüssigkeit und Nahrung, chirurgisches Konsil.

 

Leitlinien

 

Andreyev J et al. Guidance on the management of diarrhea during cancer chemotherapy. Lancet Oncol 2014; 15: e447–60.

 

Vehreschild MJGT et al. Diagnosis and management of gastrointestinal complications in adult cancer patients: evidence-based guidelines of the Infectious Diseases Working Party (AGIHO) of the German Society of Hematology and Oncology (DGHO). Ann Oncol 2013; 24: 1189–1202.

 

Redman MG et al. The efficacy and safety of probiotics in people with cancer: a systematic review. Ann Oncol 2014; 25: 1919–29.