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Supportive Therapie - Geriatrische Onkologie

Geriatrische Onkologie

Der Alterungsprozess führt zu einer Vielzahl von Veränderungen, die im Rahmen der Tumordiagnostik und -therapie berücksichtigt werden müssen.

 

Aufgrund des demografischen Wandels nimmt die Zahl alter Pat. mit Krebserkrankungen in den Industrienationen deutlich zu. In D ist das mittlere Erkrankungsalter mittlerweile 70 Jahre. Erwartet wird zwischen 2012 und 2035 ein Zuwachs von 135 000 Über-65-Jährigen mit Krebs, sodass letztendlich pro Jahr 440 000 Pat. ≥ 65 Jahre 160 000 Unter-65-Jährigen gegenüberstehen werden.

 

Besonderheiten bei älteren Tumor-Pat. sind:

 

  • die Heterogenität des Alterns
  • die physiologischen Veränderungen der Organfunktionen, potenziell mit Auswirkung auf Pharmakokinetik und -dynamik (abnehmende glomeruläre Filtrationsrate!)
  • die gehäuften Komorbiditäten und die Polymedikation
  • häufig ist ein soziales Netz zur Realisierung einer Tx notwendig

 

Subjektiv ist eine zunehmende Bedeutung der Lebensqualität gegenüber der Lebenslänge zu beobachten. Alltagskompetenz und Selbstversorgungsfähigkeit sind dabei von zentraler Bedeutung für die Lebensqualität. Weder therapeutischer Nihilismus noch reflexhafte Einleitung einer Standardtherapie in nicht angepasster Dosierung tragen der individuellen Situation Rechnung.

 

Für viele Entitäten stehen nur limitierte Daten aus Studien zur Verfügung, da alte Pat. in Studien unzureichend berücksichtigt werden. Zudem sind Studiendaten nicht generell übertragbar, da Ein-/Ausschlusskriterien „fitte“ Pat. selektionieren. Die Einteilung älterer Pat. in die 3 Kategorien fit – eingeschränkt – unfit/gebrechlich („go-go“, „slow-go“ und „no-go“) hilft die Heterogenität der individuellen gesundheitlichen Situation abzubilden. Sie wird mithilfe eines geriatrischen Assessments (GA) vorgenommen, das folgende Bereiche beinhalten sollte: funktioneller Status, Komorbiditäten, kognitive Funktion, mentaler Status, Fatigue, soziale Situation und Unterstützung, Ernährungssituation sowie Vorliegen geriatrischer Syndrome (Stürze, Delir, Gebrechlichkeit bis zum körperlichen Verfall).

 

Mit dem GA werden bei alten Pat. mit Krebs Veränderungen erkannt, die ohne dieses Vorgehen oft nicht erkannt worden wären. Die Ergebnisse des GA können zudem zu einer Änderung der Tx-Entscheidungen führen und sind bei verschiedenen Entitäten prognostisch relevant für Endpunkte wie Tx-Abbruch, schwere Tox und ÜL. Der Umsetzung in der Routine steht der Zeitbedarf entgegen. Daher ist ein zweistufiges Vorgehen attraktiv, wo nur bei Auffälligkeiten im Screening ein vollständiges Assessment angeschlossen wird. Als Screening-Instrument wird häufig der G8-Fragebogen empfohlen.

 

G8-Fragebogen (Bellera et al. 2012)

 

Frage

Mögliche Antworten

Score

A

Hat die Nahrungsaufnahme in den letzten 3 Monaten aufgrund von Appetitverlust, Verdauungsproblemen, Kau- oder Schluckproblemen abgenommen?

0: Schwere Einschränkung der Nahrungsaufnahme
1: Mäßige Einschränkung der Nahrungsaufnahme
2: Normale Nahrungsaufnahme

 

B

Gewichtsverlust in den letzten 3 Monaten?

0: Gewichtsverlust > 3 kg
1: Unbekannt
2: Gewichtsverlust zwischen 1 und 3 kg
3: Kein Gewichtsverlust

 

C

Mobilität

0: Bett oder Stuhl
1: Kann aus Bett/Stuhl aufstehen, aber geht nicht raus
2: Geht raus

 

E

Neuropsychologische Probleme

0: Schwere Demenz oder Depression
1: Milde Demenz oder Depression
2: Keine psychologischen Probleme

 

F

Body-Mass-Index
(Gewicht in kg/
Größe in m²)

0: BMI < 19
1: BMI 19 bis 21
2: BMI 21 bis < 23
3: BMI ≥ 23

 

H

Nimmt > 3 Medikamente/Tag ein

0: Ja
1: Nein

 

P

Wie schätzt der Patient seinen Zustand im Vergleich zu Gleichaltrigen ein?

0: Nicht so gut
0,5: Weiß nicht
1: Gleich gut
2: Besser

 

 

Alter (Jahre)

0: > 85
1: 80–85
2: < 80

 

 

Gesamtsumme (0–17)

≤ 14 Punkte: auffälliges Screening

 

 

Bei kurativem Tx-Ziel ist möglichst an der Standarddosis festzuhalten und durch bestmögliche supportive Tx das Risiko für Komplikationen zu reduzieren. Bei palliativer Zielsetzung kann eine initiale Dosisreduktion (80 % der Volldosis) erfolgen und im Verlauf die Dosis an die beobachtete Tox angepasst werden. Die Auswahl der geeigneten Medikamente sollte sich nach der Effektivität und der zu erwartenden Tox richten. Eine Überschneidung zwischen typischer Organ-Tox und vorbestehender Komorbidität ist zu vermeiden. Wesentlich ist die Anpassung der Dosis an physiologische oder pathologische Einschränkungen der Organfunktion. In jedem Fall muss die Nierenfunktion mittels Clearance-Bestimmung oder -Berechnung ermittelt werden. Es existieren Vorschläge zur Dosisanpassung von Zytostatika bei älteren Pat. mit eingeschränkter Nierenfunktion (Lichtman et al. 2007).

 

Leitlinien und Empfehlungen

 

Die International Society of Geriatric Oncology (SIOG) und die Task Force Cancer in the Elderly der EORTC (European Organisation for Research and Treatment of Cancer) haben u. a. Empfehlungen zur Diagnostik und Tx bei älteren Pat. mit Mamma-Ka., Bronchial-Ka., kolorektalem Ka., Prostata-Ka., aggressivem B-Zell-Lymphom und Nierenzell-Ka. erarbeitet; weitere werden folgen (siehe Links).

 

www.siog.org.

 

www.eortc.org/research-groups/cancer-in-elderly-task-force.

 

www.dgho.de/gesellschaft/verein/arbeitskreise/geriatrische-onkologie.

 

www.dgho.de/informationen/dokumente-der-arbeitskreise/geriatrische-onkologie.